Blog / Beitrag Nr. 7

Krebs – ein täglicher Begleiter, obwohl ich selbst nicht betroffen bin

Es ist lange her, dass ich einen persönlichen Text geschrieben habe. Vielleicht auch, weil es Themen gibt, bei denen man länger überlegen muss, wie man sie in Worte fassen kann. Nicht, weil einem nichts dazu einfällt, sondern weil man Angst hat, dass die eigenen Worte der Bedeutung des Themas nicht gerecht werden. Diesmal geht es um Krebs. Krebs ist ein täglicher Begleiter in meinem beruflichen Alltag, auch wenn ich selbst glücklicherweise nicht von dieser Erkrankung betroffen bin. In meinem Salon betreue ich regelmäßig Menschen, die gerade mit einer Diagnose konfrontiert wurden, mitten in einer Therapie stecken oder bereits einen langen und herausfordernden Weg hinter sich haben. Dabei gibt es nicht das eine Alter, nicht die eine Geschichte und auch nicht den einen Umgang mit der Erkrankung. Mittlerweile durfte ich Menschen aus nahezu jeder Altersgruppe bei mir begrüßen. Jeder von ihnen kommt mit einer eigenen Geschichte, eigenen Ängsten, eigenen Fragen und einer ganz persönlichen Art, mit dieser Situation umzugehen. Meine Aufgabe ist es, jeden Menschen genau dort abzuholen, wo er in diesem Moment steht. Manche kommen sehr gefasst in den Salon. Andere sind still. Manche möchten reden, andere möchten erst einmal gar nichts sagen. Einige kommen gemeinsam mit ihrem Partner, ihren Kindern, Eltern oder Freunden. Andere kommen allein. Und manchmal merkt man bereits beim ersten Blick, wie viel Überwindung dieser Termin gekostet hat.

Es gibt in diesen Momenten auch nicht die perfekten Worte. Sätze wie „Wie schön, dass du da bist“ fühlen sich manchmal unpassend an. Natürlich freue ich mich darüber, dass mir ein Mensch sein Vertrauen schenkt. Aber gleichzeitig weiß ich, aus welchem Grund er bei mir sitzt. Es gibt keine klassische Begrüßung, keinen Satz, der die Situation leichter macht, und auch keine Formulierung, die einem Menschen seine Angst nehmen kann. Deshalb versuche ich gar nicht erst, den perfekten Satz zu finden. Ich versuche vielmehr, ehrlich zu sein. Zuhören zu können. Ruhe auszustrahlen. Sicherheit zu geben. Und mit bestem Wissen und Gewissen dabei zu helfen, dass sich der Mensch vor mir wieder selbstbewusst im Spiegel anschauen kann. Denn genau darum geht es in meiner Arbeit. Es geht nicht einfach nur um Haare. Es geht um Würde. Um Selbstbestimmung. Um ein Stück Normalität. Um das Gefühl, sich selbst wiederzuerkennen. Und manchmal auch darum, sich trotz allem schön zu fühlen. Was mich bei all diesen Begegnungen immer wieder tief beeindruckt, ist der Blick meiner Gäste. Ich ziehe vor jedem einzelnen von ihnen meinen Hut. Jeder Gast, den ich bisher begleiten durfte, hatte diesen ganz besonderen Kämpferblick. Manchmal sieht man ihn sofort. Manchmal zeigt er sich erst nach einem längeren Gespräch. Aber er ist da. Diese Menschen kämpfen. Sie kämpfen für sich selbst. Sie kämpfen für ihre Familie. Für ihre Kinder. Für ihre Partner. Für ihre Eltern. Für ihre Freunde. Und sehr oft kämpfen sie für alles gleichzeitig. Ich kann und möchte mir nicht annähernd vorstellen, wie es sich anfühlen muss, diesen Weg zu gehen. Mit all den Ängsten, Sorgen, Untersuchungen, Therapien und Gedanken, die vermutlich Tag und Nacht im Kopf kreisen. Ich möchte auch nicht so tun, als könnte ich vollständig nachvollziehen, was meine Gäste fühlen. Das kann ich nicht.

Aber ich kann versuchen, ihnen während unserer gemeinsamen Zeit ein gutes Gefühl zu geben. Ich kann versuchen, ihnen die Angst vor dem Termin zu nehmen. Ich kann ihnen zuhören. Ich kann ihnen erklären, welche Möglichkeiten es gibt. Ich kann ihnen mit meiner Erfahrung zur Seite stehen. Und ich kann mit etwas Charme, Wärme und Humor versuchen, einen Moment zu schaffen, in dem die Erkrankung nicht alles bestimmt. Humor spielt dabei tatsächlich eine ganz besondere Rolle. Es gibt diese Situationen, in denen ich selbst unglaublich angespannt bin. Vor allem dann, wenn der Moment kommt, in dem die eigenen Haare abrasiert werden. Ich stehe hinter meinem Gast, habe den Rasierer in der Hand und denke innerlich: Hoffentlich halte ich mich jetzt zusammen. Hoffentlich bricht die Person vor mir nicht völlig in Tränen aus. Hoffentlich finde ich die richtige Reaktion. Manchmal habe ich dabei gefühlt Schweißperlen auf dem Rücken. Denn ich weiß, dass dieser Moment etwas Endgültiges haben kann. Auch wenn die Haare wieder wachsen können, fühlt es sich in diesem Augenblick oft wie ein sichtbares Zeichen dafür an, dass die Erkrankung nun endgültig im eigenen Leben angekommen ist. Und dann passiert etwas, das mich jedes Mal aufs Neue beeindruckt. Es kommen plötzlich Sprüche wie: „Na endlich, dann brauche ich morgens nicht mehr so lange vor dem Spiegel.“ Oder: „Jetzt weiß ich wenigstens, wie ich ohne Haare aussehe.“ Und auf einmal wird gelacht. Nicht, weil die Situation nicht ernst wäre. Nicht, weil es keinen Schmerz gibt. Sondern weil diese Menschen es schaffen, selbst in einem der schwersten Momente ihres Lebens einen kleinen Funken Leichtigkeit zuzulassen. Das berührt mich jedes Mal. Vielleicht ist genau das wahre Stärke. Nicht immer stark wirken zu müssen. Nicht immer positiv sein zu müssen. Sondern trotz Angst, Trauer und Unsicherheit den Humor nicht vollständig zu verlieren.

Ich durfte in den vergangenen Wochen und Monaten so viele besondere Menschen kennenlernen. Menschen, die mich mit ihrem Mut, ihrer Offenheit und ihrem Vertrauen beeindruckt haben. Und ich durfte auch erleben, wie wichtig die Angehörigen auf diesem Weg sind. Partner, die die Hand halten. Kinder, die ihre Mutter motivieren. Eltern, die versuchen, stark zu bleiben. Freunde, die mitkommen, zuhören, mit aussuchen, Mut machen und manchmal genau im richtigen Moment einen lockeren Spruch bringen. Auch vor diesen Menschen ziehe ich meinen Hut. Denn sie begleiten ihre Liebsten durch eine Zeit, die auch für sie voller Angst und Unsicherheit ist. Sie stärken, motivieren, fangen auf und versuchen gleichzeitig, ihre eigenen Gefühle nicht in den Vordergrund zu stellen. Manchmal reicht ein Blick zwischen zwei Menschen, um zu verstehen, wie viel Liebe, Sorge und Zusammenhalt in diesem Raum vorhanden sind. Besonders bleiben mir auch die Momente im Gedächtnis, in denen Gäste einige Tage nach der Versorgung noch einmal in meinen Salon kommen. Nicht, weil etwas nicht funktioniert. Nicht, weil sie Hilfe benötigen. Sondern weil sie sich zeigen möchten. Sie kommen zur Tür herein, stolz, selbstbewusst und mit einem Lächeln im Gesicht. Sie haben ihre neuen Haare selbst frisiert, ausprobiert und ihren eigenen Stil gefunden. Und dann stehen sie vor mir und sagen sinngemäß: „Schau mal, das habe ich ganz allein gemacht.“ Diese Momente sind für mich unbeschreiblich. Denn dann sehe ich nicht nur eine Perücke oder ein Zweithaarprodukt. Ich sehe einen Menschen, der sich ein Stück Kontrolle zurückgeholt hat. Einen Menschen, der sich wiedererkennt. Der sich wieder schön fühlt. Der stolz darauf ist, den nächsten Schritt geschafft zu haben.

Und genau deshalb liebe ich meine Arbeit. Natürlich gibt es auch Tränen. Es gibt Unsicherheit. Es gibt Wut. Es gibt stille Momente. Und es gibt Fragen, auf die auch ich keine Antwort habe. Bei mir muss niemand stark sein. Niemand muss lächeln. Niemand muss gute Laune haben. Niemand muss die Situation mit Humor nehmen. Jeder darf genauso sein, wie er sich in diesem Moment fühlt. Aber wenn es mir gelingt, dass ein Mensch meinen Salon ein kleines bisschen aufrechter verlässt, als er ihn betreten hat, dann bedeutet mir das unglaublich viel. Ich umarme jeden einzelnen Gast, der mir diesen gemeinsamen Weg so angenehm macht. Jeden Menschen, der mir sein Vertrauen schenkt. Jeden Menschen, der mich an seiner Geschichte teilhaben lässt. Und jeden Angehörigen, der mitträgt, motiviert und stärkt.

Ich wünsche jedem meiner Gäste von Herzen, dass irgendwann wieder andere Themen den Alltag bestimmen. Dass die Angst weniger wird. Dass die Untersuchungen gute Nachrichten bringen. Dass die Kraft zurückkommt. Und dass das eigene Spiegelbild wieder mit Leichtigkeit betrachtet werden kann. Bis dahin werde ich weiterhin versuchen, meinen Teil dazu beizutragen. Mit meinem Wissen. Mit meiner Erfahrung. Mit Ruhe, Ehrlichkeit, Charme und manchmal auch mit einem unpassend passenden Spruch. Denn ich kann die Erkrankung nicht wegnehmen. Aber ich kann dafür sorgen, dass sich ein Mensch für einen Moment wieder ein Stück mehr wie er selbst fühlt. Und manchmal ist genau dieser Moment unglaublich wertvoll.

"Du hast Fragen? Ich nehme mir Zeit für dich."